Medizin im Nationalsozialismus: Forschung verbindet unterschiedliche Perspektiven
Mit dem Jung-Fellowship für Medizingeschichte fördert die Jung-Stiftung seit 2025 Promotionen, die sich mit Medizin im Nationalsozialismus auseinandersetzen. Als erste Geförderte hat Maria Krümpelmann nun ihr Forschungsjahr abgeschlossen und die Ergebnisse ihrer bisherigen Promotionsarbeit vorgelegt. Ihr Projekt eröffnet zugleich inhaltliche Verbindungen zu einem weiteren medizinhistorischen Vorhaben, das die Jung-Stiftung unterstützt: der Erforschung der medizinischen Versorgung im Konzentrationslager Neuengamme.
Beide Projekte setzen an unterschiedlichen historischen Orten und Fragestellungen an. Gemeinsam ist ihnen der Blick darauf, wie medizinisches Wissen, institutionelle Strukturen und administrative Entscheidungen unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Herrschaft wirkten – und welche Folgen sie für die betroffenen Menschen hatten.
Schizophrenie als folgenreiche Diagnose
Maria Krümpelmann untersucht die Rolle und Funktion der Diagnose Schizophrenie in den Patientenakten der Hamburger Staatskrankenanstalt Friedrichsberg während des Nationalsozialismus. Dafür wertete sie die Aufnahmebücher aus den Jahren 1929 bis 1949 sowie mehrere Hundert Patientenakten aus.
Ihre Ergebnisse zeigen, dass Schizophrenie im damaligen Klinikalltag keine klar abgegrenzte und unveränderliche Krankheitskategorie war. Neben klinischen Beobachtungen beeinflussten auch zeitgenössischer Vorstellungen von Geschlecht, Familie, Arbeit und sozialem Verhalten die diagnostische Bewertung.
Die Diagnose konnte weitreichende Folgen haben. Krümpelmann zeichnet nach, wie psychiatrische Einordnungen mit Zwangssterilisationen und Verlegungen in andere Einrichtungen verbunden waren. Weiterer institutionelle Wege zeigen zudem, wie klinische Klassifikationen und institutionelle Entscheidungen in dem größeren System der nationalsozialistischen Krankenmorde verbunden waren.
Gleichzeitig bewahren die Patientenakten Briefe, Zeichnungen oder persönliche Zeugnisse. Krümpelmann bezieht sie in ihre Untersuchung ein und macht damit auch Erfahrungen der betroffenen Menschen sichtbar.
Unterschiedliche Forschungsorte, gemeinsame Fragen
Hier ergeben sich Anknüpfungspunkte zum Forschungsprojekt der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, das die Jung-Stiftung seit 2024 unterstützt. Untersucht werden unter anderem der Umgang mit Krankheit und Sterben, die medizinische Versorgung durch Häftlinge, die Rolle der SS-Ärzte sowie medizinische Gewalt.
Die historischen Kontexte unterscheiden sich deutlich: Während Maria Krümpelmann die psychiatrische Diagnostik und ihre Folgen innerhalb der Hamburger Psychiatrie untersucht, richtet das Neuengamme-Projekt den Blick auf medizinische Versorgung und Gewalt innerhalb des Konzentrationslagersystems.
Beide Projekte fragen jedoch danach, wie medizinisches Wissen und institutionelle Strukturen wirksam wurden und wie sich die Erfahrungen der betroffenen Menschen heute sichtbar machen lassen.
Medizinhistorische Forschung als Teil der Aufarbeitung
Die Förderung beider Forschungsansätze steht im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung der Jung-Stiftung mit ihrer eigenen Geschichte. Nach einer von der Stiftung initiierten Studie zu ihrem Stifter Ernst Jung und seinen Unternehmen während des Nationalsozialismus beschloss sie 2023 ein Maßnahmenpaket. Dazu gehören die Förderung des Forschungsprojekts der KZ-Gedenkstätte Neuengamme sowie die Einrichtung des Jung-Fellowships für Medizingeschichte.
Mit dem Abschluss von Maria Krümpelmanns Forschungsjahr liegen nun erste Ergebnisse aus dem Fellowship vor. Gemeinsam beleuchten beide Projekte aus unterschiedlichen Perspektiven die Rolle medizinischen Wissens und medizinischer Institutionen – und rücken zugleich die Erfahrungen der betroffenen Menschen in den Blick.